Fachpersonalmangel in der Pflege

Notfall in der Pflege

Pflegende klagen, dass sie immer mehr Arbeit und weniger Zeit für die Gespräche mit den Patienten haben. Bild: Gaetan Bally/Keystone (Flawil, 25. Juni 2009)

Geht es nach denen, die an der Basis arbeiten, ist das Schweizer Pflegesystem am Ende. Bis 2030 fehlen bis zu 65000 Pflegende an den Betten, jede Zweite wirft frühzeitig das Handtuch. Bestandsaufnahme einer aufgewühlten Branche.

Anna Miller

Operation am Herzen, über Stunden, danach Intensivstation, an die Maschinen angeschlossen die erste Nacht im Spital. Wenn das Gröbste überstanden ist, kommen die Patienten zu Geri Pfammatter auf die Station. Intermediate Care Abteilung der Herz- und Gefässchirurgie des Inselspitals Bern, im Zwischenraum zwischen Intensivstation und stationärer Abteilung. Und Pfammatter, der von seinem Arbeitsalltag berichtet, als Pflegefachmann mit eidgenössischem Diplom, versucht sie zu pflegen, so gut das in der heutigen Zeit eben noch geht.

Er erzählt von einem Alltag, in ­welchem die Pflegenden alles sein ­müssen: Seelsorger, Mediziner, Freund, Helfer, Fachkundige, Berater. Ein Alltag zwischen Schichtbetrieb, Papierkrieg und 15 Minuten Pause für ein bisschen Wasser und ein Früh- stück. Wo kaum mehr Rückzugs­möglichkeiten da sind und immer ­weniger Zeit für ein Gespräch. Und damit für das, wofür die Ausgebildeten eigentlich an diesen Betten stehen: um nahe am Menschen zu sein, nicht nur an einem gebrechlichen Körper.

Der Pflegeberuf war menschlich schon immer anspruchsvoll. Aber Blut sehen und Nachtschichten verdauen sind schon lange nicht mehr die Hauptbelastungen, mit denen Pflegende in der Schweiz konfrontiert sind. Die Möglichkeiten der modernen Medizin sind gestiegen, der Mensch kann selbst mit komplexer Krankheitsgeschichte länger am Leben gehalten werden. Das heisst aber auch: Es wird anspruchsvoller, chronisch kranke Menschen bis ins hohe Alter zu pflegen. Die Pflegeheime sind damit genau so konfrontiert wie ambulante Einrichtungen. Über 100000 Pflegeheimplätze verfügt die Schweiz heute. 2018 verursachten die Alters- und Pflegeheime Betriebskosten von über zehn Milliarden Franken – über die Hälfte dieser Kosten müssen die Patientinnen und Patienten dabei selbst bezahlen. 20 Prozent der über 80-Jährigen in der Schweiz leben im Pflegeheim, Lebenserwartung: 82,9 Jahre, eine der höchsten der Welt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei über 800 Tagen pro Bewohner.

Seit der Einführung der Fallpauschale hat sich zudem die Aufenthaltsdauer der Menschen in den Spitälern verringert. Der Genesungsprozess wird in die eigenen vier Wände verlagert – und die Pflegenden, beispielsweise bei der Spitex, müssen sich intensiver kümmern. Das braucht nicht nur ein dickes Fell, sondern auch mehr Fachkenntnisse – und entsprechend geschultes Personal.

Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK wartet mit alarmierenden Zahlen auf: 46 Prozent aller Pflegenden verlassen den Beruf wieder und satteln um, ein Drittel von ihnen vor dem 35. Lebensjahr. Die Arbeitenden aus dem Ausland, die über Jahre ein mediales Thema waren, können den Mangel an Personal schon lange nicht mehr kompensieren, und der demografische Wandel tut sein Eigenes dazu, dass sich die Lage in den nächsten Jahren zuspitzen wird. Der Verband rechnet mit 65000 Pflegenden, die bis 2030 in der Schweiz fehlen, vor allem in der Langzeitpflege.

Der «graue Tsunami» rollt auf uns zu

Die gut ausgebildeten Fachkräfte sind dabei Mangelware. Laut Schätzungen des Bundes braucht es bis zum Jahr 2030 etwa 120000 Pflegefachleute auf Tertiärstufe, ein Plus von 32 Prozent. Der Think Tank Avenir Suisse prägte mit Blick auf das Altern der Babyboomer vor zwei Jahren den Begriff des «grauen Tsunami», der auf das Pflegesystem Schweiz zurollt. Um den Bedarf in Zukunft zu decken, müssten jährlich 6000 Pflegefachleute neu ausgebildet werden – doch es sind derzeit nicht einmal 3000. Dabei bemühen sich die Hochschulen seit Jahren, Studierende anzulocken. Weiterbildungsangebote im Pflegebereich an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) füllen ganze 30 Seiten in einer Broschüre. «Die Mindestteilnehmerzahl werde grundsätzlich erreicht, aber mit grossem Aufwand», sagt Katharina Fierz, Leiterin des Instituts für Pflege an der ZHAW.

Der Pflegeverband hat deshalb 2017, nach Jahren des erfolglosen Lobbyings im Bundeshaus, eine Volksinitiative lanciert, um sich politisch Gehör zu verschaffen (siehe Artikel rechts). Innert acht Monaten kamen über 114 000 Unterschriften zu Stande, vergleichsweise schnell. Wohl auch, weil das Ansehen des Pflegers in der breiten Bevölkerung so hoch ist wie in kaum einer anderen Berufsgattung – den Beruf ausüben wollen am Ende dann aber doch die wenigsten. Der Bundesrat lehnte die Initiative zwar ab, doch die zuständige Kommission des Nationalrats will handeln. Sie hat einen indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet, den der Nationalrat am Montag behandeln wird. Dieser kommt den Forderungen der Initianten teilweise entgegen. Klar sind sich alle Akteure: Es braucht mehr Geld und mehr Anstrengungen der Kantone, Pflegefachkräften eine höhere Ausbildung zu erleichtern und diese attraktiver zu gestalten.

Der Verband fordert zusätzliche Investitionen, damit die ausgebildeten Fachpersonen möglichst lange im Beruf bleiben. Die sogenannte «Bildungsoffensive» sei nur die eine Seite der Geschichte, sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des SBK. Man müsse die Abwanderung aus dem Beruf stoppen. Und sich fragen, ob die zunehmende Abfertigung des Patienten das Ziel einer guten Pflege sei. «Satt, warm, sauber», das könne ja nicht alles sein, was der Mensch brauche. Durchschleusen, waschen, Verband anlegen, für das Emotionale und Psychologische bleibt keine Zeit. Laut einer Umfrage der Unia, die im Februar dieses Jahres publiziert wurde, wollen 47 Prozent der Befragten nicht bis zur Pensionierung in der Pflege arbeiten. 86 Prozent fühlen sich oft müde und ausgebrannt, 72 Prozent gaben an, regelmässig unter körperlichen Beschwerden zu leiden. Befragt wurden über 1000 Personen, die in der Langzeitpflege arbeiten, 90 Prozent Frauen, Bruttolohn bei einer 72-Prozent-Anstellung: 2900 Franken pro Monat.

Salome Rohner, 25 Jahre alt, lief schon mit 23 Jahren in Zürich aus den Türen eines Spitals hinaus und setzte sich dann bei einer Versicherungsgesellschaft ins Büro, als medizinische Kundenbetreuerin. Jetzt klärt sie Gesundheitszustände fürs Krankentaggeld ab und sagt, sie würde auch wieder zurückgehen – wäre die Lage eine andere. «Aktuell steht die Quantität im Vordergrund, möglichst viele Patienten pflegen, in möglichst kurzer Zeit. Man kann es nicht so gut machen, wie man möchte.» Rohner hatte vor ihrem ersten Stellenantritt drei Jahre an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften studiert, den Bachelor in Pflege absolviert, eine hoch qualifizierte, junge Frau. Eine von denen, die die Schweiz händeringend sucht.

Pflegende stehen ihren Job nur mit Psychopharmaka durch

Rohner sagt, sie höre aus ihrem Umfeld viele, die über Stress klagten. «Einige haben mit 25 Jahren schon ein Burn-out und müssen sich eine Auszeit nehmen». An Schulen und in Diskussionsrunden erzählen junge Pflegende, dass sie öfter Psychopharmaka verabreichen, um die Patienten zu beruhigen, statt andere Methoden zu Rate zu ziehen – weil schlicht die Zeit fehle. Andere Pflegende, die sich teilweise anonym an die Medien wenden, berichten von vertauschten Medikamenten, igno­rierten Infektionen, Heimbewohnern, die nicht geduscht werden, Personal, das nachts alleine für 30 Betten zu­ständig ist.

Yvonne Ribi, Mitinitiantin der Initiative, verlässt das Café im Zentrum Berns wieder für die nächste Sitzung. Vor 12 Jahren stand sie selbst am Unispital Zürich an den Betten, nun trägt sie statt Pflegekleidung die Fahne des Protests. Ihre Mission: Der Pflegebranche politisches Gewicht geben, irgendwo zwischen Kampfjets und Burkadebatte. «Solange nichts zur Erhöhung der Berufsverweildauer im Gegenvorschlag enthalten ist, werden wir kaum zurückziehen», sagt Ribi. Auch werde man keinen Gegenvorschlag unterstützen, der ein Schritt in Richtung Aufhebung des Vertragszwanges bedeutet. Rausholen, was noch geht, obwohl sich die Haltung Bundesberns schon abzeichnet: Berufsbedingungen sind Sache der Institutionen und der Kantone, keine Frage, die auf Ebene der Verfassung geregelt werden muss. Einige gehen davon aus, dass die Initianten den Gegenvorschlag akzeptieren und ihre Initiative zurückziehen werden. Weil es schlicht pragmatischer ist, Zeit zu sparen. Denn selbst bei Annahme der Initiative würde die Umsetzung Jahre in Anspruch nehmen. Der Verfassungsartikel müsste in ein Gesetz gegossen werden. Das hiesse Vernehmlassung, Botschaft Kommissionssitzungen, Ratsdebatten, Differenzbereinigung. Das braucht Zeit.

Den Pfleger Geri Pfammatter muss das nicht mehr lange kümmern, er ist bald pensioniert. Pfammatter, 61 Jahre alt, seit dreissig Jahren im Beruf, arbeitet seit Jahrzehnten im Teilzeitpensum, macht viel Yoga – deshalb, so glaubt er, kann er die Belastung noch stemmen. «Arbeitest du Vollzeit, gehst du psychisch und körperlich kaputt». Während seine Kolleginnen den Beruf zu Tausenden wieder verlassen, hat er für sich einen Weg gefunden, mit den Anforderungen im Beruf umzugehen. Für ihn sei er immer noch der schönste Beruf der Welt. Und so sinnstiftend wie kaum etwas sonst.

Quelle: https://epaper.tagblatt.ch/#article/62/St.%20Galler%20Tagblatt/2019-12-14/2/253797724

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